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TarmsTalk Paludikultur: Nasse Moore, neue Märkte, viele offene Fragen

Die Bewirtschaftung nasser Moorflächen wird nach Einschätzung der Teilnehmer des TarmsTalks künftig eine größere Rolle spielen. Moderiert von Hauke Schneider vom 3N Kompetenzzentrum wurde deutlich: Paludikultur ist für die Betriebe eine Chance, bringt aber auch viele praktische, wirtschaftliche und politische Fragen mit sich. „Paludi“ leitet sich von dem lateinischen Wort „Palus“ ab, das Sumpf bedeutet. Paludikultur ist die Bewirtschaftung von nassen Flächen wie z.B. wiedervernässte Moore.

Paludi als Chance

Hans Lütjen Wellner aus dem Teufelsmoor schilderte die Lage auf seinem Betrieb als Folge von Naturschutz und Wiesenvogelschutz. Die Flächen seien ohnehin nass, eine klassische Grünlandnutzung sei dort nur noch eingeschränkt möglich. Die Aufwüchse eigneten sich immer weniger für die Rindviehhaltung oder für Pferde. Deshalb brauche es neue Wege. Paludikultur sei aus seiner Sicht keine Risikoidee, sondern eine Chance. Gleichzeitig machte er klar: „Wir müssen den Markt klären.“ Entscheidend sei, wer das Material haben wolle, wer es verarbeiten könne und wer bereit sei, dafür zu zahlen.

Leichte Fahrzeuge gefragt

Auch Christian Wentzien vom Raupenfahrzeughersteller Mera Rabeler betonte die technischen Anforderungen. Sein Unternehmen befasse sich seit mehr als 35 Jahren mit angepasster Technik für sensible Bereiche. Auf nassen Standorten gehe es vor allem um geringen Bodendruck und geeignete Fahrwerke. Konventionelle Technik lasse sich zwar teils anpassen, irgendwann müssten aber spezielle Maschinen her. Für die Paludikultur seien leichte, oft kettengetriebene Fahrzeuge gefragt. Bei Torfmoosen komme noch hinzu, dass die Arbeit in sehr sensiblen Bereichen mit extrem niedrigen Bodendrücken stattfinden müsse. Wentzien verwies zugleich auf den hohen technischen Aufwand: Für hohe Flächenleistungen seien große Maschinen und angepasste Logistik nötig. Die Entwicklung befinde sich aber noch klar in der Pilotphase.

Versandkarton aus Biomasse

Karla Jabben von Otto berichtete, wie aus Paludi-Biomasse ein Versandkarton werden soll. Dafür brauche es vor allem Partner in der Papier- und Kartonproduktion. Ein erster Pilottest habe gezeigt, dass die Paludi-Fasern gut in den bestehenden Prozessen funktionieren. Doch der Weg aus dem Pilotprojekt in eine skalierbare Lieferkette sei noch weit. Jabben betonte, dass es zunächst höhere Investitionen brauche. Ziel sei es, bis Ende nächsten Jahres alle Otto-Versandkartons mit Paludi-Anteil zu verschicken. Im Moment gebe es eher Signale aus der Landwirtschaft, dass die Abnahme schneller vorankommen müsse.

Kritik: Zertifizierung zu aufwendig

Torsten Galke, der aus der ökologischen Bausanierung kommt, zeigte die Perspektiven im Baustoffbereich auf. Er berichtete von ersten Versuchen mit Dämmstoffen und davon, dass nicht alles sofort funktioniert habe. Gerade die Zertifizierung sei in Deutschland ein großes Hindernis. Paludi-Produkte müssten oft neu zugelassen werden, obwohl sie ähnliche Eigenschaften wie bestehende Materialien hätten. Das sei für kleine Start-ups teuer und bürokratisch aufwendig. Trotzdem sieht Galke Chancen, weil der Bausektor CO₂ sparen müsse und Paludi-Biomasse dafür geeignet sein könne. Er wünscht sich mehr Kontinuität in der Politik und verlässliche Rahmenbedingungen.

Kontroverse um Palu-Richtlinie

Uneins waren sich die Diskussionseteilnehmer bei der Bewertung der „Palu-Richtlinie“. Gemeint ist das im Mai 2026 verabschiedete Förderrichtlinie „Wiedervernässung und innovative Nutzung von Moorböden“) ist ein Förderprogramm des Bundesumweltministeriums (BMUV). Es stellt bis Ende 2029 rund 1,75 Milliarden Euro bereit, um trockengelegte Moore wiederzuvernässen und eine nachhaltige, nasse Bewirtschaftung (Paludikultur) zu etablieren.

Hans Lütjen Wellner sieht die Richtlinie kritisch. Für extensiv wirtschaftende Betriebe im Moor sei die Förderung aus seiner Sicht zu gering. Wer bereits sehr viel Naturschutzauflagen erfüllen müsse und geringe Erträge einfahre, werde nicht ausreichend berücksichtigt. Wentzien sieht die Richtlinie dagegen grundsätzlich positiv, weil sie den ganzen Weg vom Betrieb bis zur Projektierung fördere. Für die Technik sei es aber noch zu früh, weil noch nicht klar sei, welche Produkte die Industrie am Ende brauche.

Ausblick auf Märkte und Möglichkeiten

Für die nächsten Jahre erwarten die Teilnehmer vor allem mehr Klarheit bei Mengen, Märkten und Standards. Wellner geht davon aus, dass Moorlandwirte ihre Flächen künftig anders bewirtschaften müssen. Die Frage sei: Wie können die Betriebe auf den Standorten am Leben bleiben? Galke wünscht sich, dass sich Bauern in Gruppen zusammenschließen, um Biomasse gebündelt anzubieten. Wentzien fordert feste Quoten für Paludi-Biomasse etwa in Kartonagen, Papier oder Dämmstoffen. Jabben hofft auf messbare Ergebnisse zu CO₂-Wirkungen von wiedervernässten Mooren und auf mehr Unternehmen, die sich an Abnahme und Entwicklung beteiligen.

Unterm Strich wurde beim Tarmstalk klar: Paludikultur ist technisch machbar und wirtschaftlich denkbar, aber noch lange nicht am Ziel. Damit aus nassen Mooren wirklich neue Produkte entstehen, braucht es verlässliche Politik, passende Maschinen, starke Partner und funktionierende Märkte.

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