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Wie kann die Geflügelhaltung den steigenden Anforderungen an Tierwohl, Klimaschutz und Ernährungssicherheit gerecht werden? Darüber diskutierten Friedrich-Otto Ripke, Vorsitzender des Landesverbandes der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft (NGW), Carola Reiners, stellvertretende NGW-Vorsitzende und Putenhalterin, sowie Sven Kuennen, Direktor für Digital Customer Experience bei Big Dutchman am Montag im TarmsTalk. Ein zentrales Fazit: Künstliche Intelligenz wird die Geflügelhaltung grundlegend verändern – den Menschen im Stall aber nicht ersetzen.
Carola Reiners machte deutlich, dass die Digitalisierung in den Betrieben bereits begonnen hat. Während früher Stallkarten noch handschriftlich geführt wurden, arbeite die nächste Generation längst digital. Im Putenbereich stehe die Entwicklung KI-gestützter Anwendungen zwar noch am Anfang, doch gerade bei der Früherkennung von Krankheiten und Stress sieht sie großes Potenzial. Kameras, Sensoren oder die Analyse der Lautäußerungen könnten künftig rund um die Uhr überwachen, wie es den Tieren geht. Ziel sei es, Probleme frühzeitig zu erkennen und das Stallmanagement zu verbessern. Entscheidend sei jedoch: „Die KI ersetzt den Menschen im Stall nicht.“ Vielmehr brauche es den Landwirt, der die Hinweise bewertet und die richtigen Entscheidungen trifft. Um diese Entwicklungen voranzubringen, forderte Reiners mehr öffentliche Forschungsförderung.
Welche Möglichkeiten KI künftig eröffnet, erläuterte Sven Kuennen. Bereits heute könne sie handschriftliche Aufzeichnungen digital erfassen oder Landwirte beim Wissensmanagement unterstützen. Der nächste Schritt seien intelligente Systeme, die Kamerabilder und Sensordaten auswerten, Auffälligkeiten im Tierverhalten erkennen und dem Betriebsleiter in verständlicher Sprache zusammenfassen. So könnten beispielsweise Bewegungsmuster einer Herde analysiert oder technische Ursachen für Stress – etwa plötzlich schließende Lüftungsklappen – identifiziert werden. Nach Einschätzung Kuennens werden solche Systeme schon in naher Zukunft zum Betriebsalltag gehören. Gleichzeitig sieht er weiteres Potenzial in intelligent gesteuerten Energiesystemen, kombiniert mit Photovoltaik und Batteriespeichern.
Für Friedrich-Otto Ripke ist die Geflügelbranche bei Digitalisierung und Datennutzung bereits Vorreiter innerhalb der Nutztierhaltung. Die Betriebe verfügten heute über umfangreiche Daten, die zentral ausgewertet würden und wichtige Hinweise für Management und Tiergesundheit lieferten. KI könne tote Tiere schneller lokalisieren, Veränderungen im Trink- oder Bewegungsverhalten erkennen und Krankheiten wesentlich früher anzeigen. Dadurch ließen sich Tierverluste vermeiden und der Antibiotikaeinsatz weiter reduzieren. Gleichzeitig warnte Ripke davor, die Technik zum Selbstzweck werden zu lassen. Sein Leitsatz lautete: „Die KI soll uns dienen und nicht umgekehrt.“ Besonders interessant sei zudem die Möglichkeit, Tierwohl künftig objektiver zu bewerten. Erste Forschungsprojekte zeigten bereits, dass Tiere selbst unterschiedliche Bedürfnisse haben – etwa, wenn ein Teil der Freilandhennen den Auslauf freiwillig gar nicht nutzt. Solche Erkenntnisse könnten künftig auch politische Vorgaben beeinflussen.
Im zweiten Teil der Diskussion rückte die Ernährungssicherheit in den Fokus. Reiners schilderte die Folgen der Geflügelpest für die Putenhaltung. Trotz hoher Biosicherheitsstandards würden die Erreger überwiegend über Wildvögel eingeschleppt. Die notwendigen Keulungen bedeuteten nicht nur erhebliche wirtschaftliche Schäden, sondern auch eine enorme Verschwendung von Lebensmitteln. Gleichzeitig könne die Branche die steigende Nachfrage nach Geflügelfleisch kaum bedienen, weil neue Stallkapazitäten aufgrund langwieriger Genehmigungsverfahren nicht entstünden.
Ripke knüpfte daran an und forderte ein Ernährungssicherheitsgesetz. Angesichts geopolitischer Krisen müsse die heimische Lebensmittelproduktion wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Die Nachfrage nach Geflügelfleisch steige seit Jahren kontinuierlich, gleichzeitig verhinderten Bau- und Genehmigungsrecht den notwendigen Ausbau der Produktion. Zudem kritisierte er den Zielkonflikt zwischen höheren Tierwohlanforderungen und Versorgungssicherheit. Höhere Haltungsformen bedeuteten geringere Besatzdichten und damit weniger Produktion, während Verbraucher überwiegend preisgünstige Produkte kauften. Politik müsse deshalb klare Prioritäten setzen und Zielkonflikte offen entscheiden. Ebenso sprach sich Ripke für eine Impfung gegen die Geflügelpest sowie für gleiche Produktionsstandards bei Importware aus. Mit seinem Konzept „Fünfmal Deutschland“ – von der Brüterei bis zur Vermarktung – warb er für eine möglichst vollständige heimische Wertschöpfungskette.
Dass Ernährungssicherheit längst ein weltweites Thema geworden ist, bestätigte auch Sven Kuennen. Big Dutchman verzeichne international eine hohe Nachfrage nach Stalltechnik, weil viele Länder ihre Selbstversorgung ausbauen wollten. Auch in Deutschland würden weiterhin moderne Legehennenställe errichtet.
Zum Abschluss verteidigten alle drei Diskussionsteilnehmer die Bedeutung tierischer Proteine. Ripke verwies darauf, dass der überwiegende Teil der Bevölkerung weiterhin Fleisch und Eier konsumiert und Geflügel aufgrund seiner günstigen Klima- und Futterbilanz besonders effizient produziert werden könne. Kuennen ergänzte, dass der weltweit steigende Proteinbedarf mit pflanzlichen Alternativen allein kaum zu decken sei. Reiners hob die hohe biologische Wertigkeit tierischer Proteine hervor und sprach sich für eine stärker wissenschaftlich geprägte Ernährungsdebatte aus.
Zum Schluss richteten alle drei klare Forderungen an die Politik. Mehr unternehmerische Freiheit, weniger Bürokratie und verlässliche Investitionsbedingungen seien entscheidend, damit die Branche auch künftig in Tierwohl, Klimaschutz und moderne Stalltechnik investieren könne. Ripke brachte die Botschaft der Diskussion abschließend auf den Punkt: „Ohne Bauernwohl kein Tierwohl.“
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