Jetzt auch im Videoformat: Sechs TarmsTalk auf YouTube
Spannende Diskussionen, unterschiedliche Perspektiven und aktuelle Themen aus Landwirtschaft und ländlichem Raum: Auf dem YouTube-Kanal …

Wie fair sind die Lebensmittelpreise für Verbraucher und Landwirte? Sind sie für den Landwirt in Zeiten hoher Kosten zu billig und gleichzeitig zu teuer für den Verbraucher? Diese Fragen stellte der Weserkurier am Sonntag im Tarmstalk seinen Gesprächspartnern: Landwirt Jürgen Brüning, der seine Kartoffeln unter dem Namen Worpsweder Perle vertreibt, Wilstedter Landwirtin Marie Willenbrock von der Tarmstedter Milch GmbH, Prof. Holger Thiele, der Agrarökonomie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Kiel lehrt, sowie Ole Mehrtens, Regionalleiter bei Tante Enso, die gerade ihren 90. Laden als Vollversorger für den ländlichen Raum eröffnet haben.
Einigkeit bestand darin, dass Erzeuger, Verbraucher und auch der Handel in vielen Belangen im selben Boot sitzen. Für alle sind die Preise seit 2022 gestiegen: Energie ist teurer geworden, die Arbeitskosten sind gestiegen und für die Landwirte haben sich zudem die Kosten für Dünger und andere Betriebsmittel deutlich erhöht. Gleichzeitig haben sich die preislichen Schmerzgrenzen bei Ankerprodukten wie Butter und Kartoffeln in den vergangenen Jahren verschoben – und die Verbraucher sind diese Preissteigerungen weitgehend mitgegangen.
Marie Willenbrock machte deutlich, dass bei einem Milchgeld von 40 Cent zwar die Kosten gerade gedeckt werden können, an Investitionen beispielsweise in mehr Tierwohl jedoch nicht zu denken ist. Hinzu kommt, dass Milcherzeuger keine Möglichkeit haben, den Milchpreis selbst zu beeinflussen, da dieser von den Molkereien festgelegt wird.
Jürgen Brüning plädierte für einen nachhaltigen Produktpreis für Lebensmittel, der sowohl die Wirtschaftlichkeit der Betriebe als auch die Belange des Tierwohls als auch der Natur berücksichtigt. Er zeigte auf, dass er in Verkäuferschulungen mit dem LEH die Position der Landwirte sowie die Arbeit und die Kosten hinter den Produkten vermittelt und dadurch bei seinen Partnern im LEH ein besseres Verständnis für die Belange der Landwirtschaft erzeugt. Brüning ist außerdem davon überzeugt, dass mehr für die Ernährungsbildung in den Schulen getan werden muss, um Kinder frühzeitig für heimische Produkte und deren Wert zu sensibilisieren.
Die Frage nach einem nachhaltigen Preis unterstützt auch Ole Mehrtens. Er erläuterte, dass Tante Enso mit seinem Konzept als Versorger auf dem Land sowohl Preiseinstiegsprodukte als auch regionale Erzeugnisse anbieten möchte – damit für jeden Kunden etwas dabei ist. Speziell bei den regionalen Produkten wird auf die Zusammenarbeit mit Erzeugern vor Ort gesetzt.
Für Verbraucher ist es heute nicht einfach, im Dschungel aus Marken, Labels und Haltungsformen den Überblick zu behalten. Wer die Erzeuger unterstützen möchte, sollte zu regional und saisonal erzeugten Produkten greifen. Allerdings bleibt Deutschland ein Land der Billigheimer: Rund 70 Prozent der Menschen geben an, beim Einkauf vor allem auf den Preis zu achten. Entsprechend gering ist der Spielraum, höhere Preise für besondere Haltungs- oder Qualitätskonzepte am Markt durchzusetzen.
Prof. Holger Thiele brach in der Diskussion eine Lanze für Molkereien und den Lebensmitteleinzelhandel, denen häufig vorgeworfen wird, an hohen Margen zu verdienen. Auch dort seien die Kosten erheblich gestiegen. Allein die Verpackung der Milch verursache inzwischen Kosten von rund zehn Cent. Gleichzeitig stellte Thiele fest, dass die Marktmacht beim Lebensmitteleinzelhandel liege. Protestaktionen der Landwirte könnten allenfalls kurzfristig Wirkung zeigen, wenn das Image der Handelskonzerne Schaden nehme.
Sein Fazit: Wer die Landwirte beim Einkauf unterstützen möchte, sollte regionale Produkte kaufen und bei Milch zu höheren Haltungsstufen greifen, weil die Mehrerlöse aus diesen Programmen tatsächlich bei den landwirtschaftlichen Betrieben ankommen.
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