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Biomasse aus dem Moor: Der Markt entwickelt sich

Viele Landwirte in Moorregionen stellen sich die Frage: Wie kann ich auf wiedervernässten Moorböden künftig weiter existieren? Kann ich das Material, das ich von den nassen Böden ernte (Paludi-Biomasse), gewinnbringend verkaufen? Und welche Märkte gibt es dafür? Antworten darauf gaben Experten aus Wissenschaft und Praxis in der TarmsTalk-Runde des Moor-Netzwerks Elbe-Weser „Wertschöpfungsalternativen aus dem Moor“.

Erosionsschutzmatten aus Nasswiesenheu

Die Firma re-natur aus Ruhwinkel in Schleswig-Holstein stellt u.a. Erosionsschutzmatten her. Jörg Baumhauer, bei re-natur zuständig für Marketing und Produktentwicklung, erklärte, dass viele der bisherigen Materialien für Erosionsschutzmatten aus Übersee gekommen seien – etwa Kokos, Jute, Seegras oder Schafwolle. Genau davon wolle er weg, weil diese Rohstoffe nicht regional verfügbar seien. Paludibiomasse dagegen ließe sich regional gewinnen, verarbeiten und einsetzen. Das Material sei außerdem – anders, als Seegras – skalierbar.

Die Paludi-Matten werden an Hängen, Böschungen, im Wegebau, an Viehtränken und auf Pferdehöfen eingesetzt. Auch bei Großveranstaltungen wie Wacken oder der Kieler Woche hätten sie bestanden. Der große Vorteil ist laut Baumhauer, dass die Matten kunststofffrei sind, im Boden bleiben und verrotten können. Für Baumhauer zählt neben der Funktion vor allem die regionale Wertschöpfung als Vorteil. Er sieht Potenzial auch für andere Mattenarten wie z.B. für die Dachbegrünung.

Einsatz von Holzschaum

Das Fraunhofer-Institut für Holzforschung, Wilhelm-Klauditz-Institut (WKI) aus Braunschweig ist einer von 13 Partnern im Projekt RoNNi. Ziel ist, Bauprodukte und Torfersatz aus Rohrkolben (Typha) von Niedermoorstandorten in den Landkreisen Emsland und Cuxhaven zu entwickeln. Das Fraunhofer WKI entwickelt Typha-Schäume. Hierfür adaptieren die Wissenschaftler das am WKI entwickelte Verfahren zur Herstellung von Holzschäumen. Dr. Steffen Sydow vom Fraunhofer WKI beschrieb Holzschaum als leichten, nachhaltigen Werkstoff, der sich für Dämmstoffe, Verpackungen und als Sandwich-Baustoff eigne.

Gartenbausubstrat: Was gefragt ist

Dr. Christian Frerichs von der Hochschule Osnabrück beschäftigt sich in dem Forschungs- und Entwicklungsprojekt ENROK mit der Entwicklung und Bewertung von gärtnerischen Kultursubstraten auf der Basis von nachwachsenden, heimischen Rohstoffen. Frerichs erklärte, dass der Gartenbau vor allem stabile, verlässliche Substrate brauche. Gerade bei Vermehrungssystemen und Multiplatten werden sehr hohe Anforderungen an Wasserhaltevermögen, Luftkapazität, Struktur und Gleichmäßigkeit gestellt.

Sphagnum als Torfersatz: Herstellung und Vorteile

Sjanie Hindenberg vom Substrathersteller Klasmann-Deilmann aus Geeste (Niedersachsen) erläuterte, dass das Unternehmen mittlerweile 30 % des in Substraten eingesetzten Torfs durch Alternativen ersetzt habe. Ziel seien 50 % in den nächsten zwei Jahren. Das Torfersatzprodukt Torfmoos (Sphagnum) müsse auf Hochmoorböden angebaut werden. Das Unternehmen habe zuerst geprüft, ob das wirtschaftlich in größerem Maßstab gehe, sei aber zunächst an offenen Fragen und Skalierungsproblemen gescheitert. Später sei die Forschung Richtung Gewächshausanbau verlagert worden, um Pflanzgut für die Flächenanlage bereitzustellen. Sphagnum habe für den Profi-Gartenbau sehr gute Eigenschaften: niedrigen pH-Wert, gutes Luft-Wasser-Verhältnis, schnelle Wasseraufnahme und hohe Wasserhaltefähigkeit. Hindenberg hat aber betont, dass es derzeit an Mengen fehle.

Seit 15 Jahren Torfersatz

Der Substrathersteller Gramoflor aus Neuenkirchen-Vörden arbeitet bereits seit 15 Jahren an Torfersatzprodukten, berichtete Geschäftsführer Josef Gramann. Für ihn gibt es nicht die eine Torfalternative. Er hält Sphagnum für einen interessanten Rohstoff, der allerdings 10 bis 20 % teurer sei als Holzfaser oder Kokos. „Entsprechend würden auch die Substrate für die Kunden bis zu 20 % teurer, was am Markt nicht zu realisieren ist“, sagte er.

Gramann mahnte, dass man auch beim Torfersatz auf einen geringen CO₂-Fußabdruck achten sollte. So würde die Produktion von Holzschaum viel Energie benötigen. Auch müsse man die gesamte Kette betrachten, wozu er auch den Dünger, Pflanzenschutz und Wasser im Gartenbau zählte. Das müsse bei der Entwicklung von Torfersatz berücksichtigt werden.

Gramoflor stellt im Jahr 700.000 m3 Substrate her. Die Forschungs- und Entwicklungsabteilung beschäftigt sich laut Gramann erst mit einem Ersatzprodukt, wenn davon 10.000 m3 pro Jahr sicher zur Verfügung stehen. Er sieht den Einstieg der Industrie wie den Otto-Versand als Schlüssel für die Zukunft, damit der Markt in Gang kommt. „Die Großindustrie braucht Wahnsinnsmengen an Verpackungsmaterial, da entsteht sofort ein Absatzmarkt“, ist er überzeugt.

Chance ergreifen

Josef Baumhauer riet den Landwirten am Ende dazu, die sich jetzt bietenden Chancen zu ergreifen. „Landwirte sind genau wie wir Unternehmer und damit immer einem gewissen Risiko ausgesetzt. Wir haben zwar noch ein Henne-Ei-Problem, aber der Bedarf an Material ist so groß, dass wir uns irgendwann fragen: Haben wir genügend Hennen, die Eier legen? Jetzt geht es darum, sich auf den Weg zu machen!“