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Bedrohte Balance: Stadt und Land müssen sich auf Augenhöhe begegnen

„Der Besuch der Tarmstedter Ausstellung ist die Chance, sich mit aktiven Landwirten zu unterhalten. Was ich dagegen in der Landwirtschaftspolitik immer wieder erlebe: Ganz viele Politiker haben zum Thema Landwirtschaft eine Meinung, aber keine Ahnung. Deshalb sollte man immer auf den Berufsstand hören“, forderte David McAllister, seit 2014 Abgeordneter im Europaparlament, auf dem Jubiläumstalk anlässlich der 75. Tarmstedter Ausstellung im Festzelt.

Austausch auf Augenhöhe

Hennig Scherf, ehemaliger Bürgermeister von Bremen, ergänzt: „Wir müssen mit dem Bild aufräumen, dass sich die Menschen in der Stadt nur für Kultur interessieren, während die Landbevölkerung nur arbeitet. Ein Austausch auf Augenhöhe ist wichtig, damit das Land zusammengehalten wird.“ Als ehemaliger Politiker mahnt er, dass die Menschen sich einander achten und schätzen sowie einmal die Fronten wechseln sollten, um beide Seiten kennenzulernen. „Ich kenne viele, die vom Land in die Stadt gezogen sind und umgekehrt.“ Die Balance in Deutschland sei ein großes Glück. In anderen Regionen wie Afrika werde die Landbevölkerung immer weniger, während die Städte wachsen. „Wir müssen aber die Landbevölkerung auch ernst nehmen“, erwidert McAlister und zitiert eine Umfrage, wonach sich 40 % der EU-Bürger aus dem ländlichen Raum zurückgelassen fühlt. „Darum ist es wichtig, dass auch die Strukturfonds der EU weiterhin mit finanziellen Mitteln ausgestattet sind, um die ländliche Region zu fördern“, sagt er.

Alt-Bürgermeister Scherf nimmt aber auch die Politiker in die Pflicht: „Die Leute wollen nicht nur, dass wir gut zuhören, sondern auch, das was geschieht. Dazu gehört, dass man Fehler zugibt und daraus lernt. Und dass man Zusagen, die man gemacht hat, auch einhält.“

Mit Sorge betrachte nicht nur Deutschland, sondern auch die EU, dass die radikalen politischen Ränder rechts und links von der Mitte stärker würden, berichtet David McAlister. „Am Ende sind wir darauf angewiesen, dass es einen Grundkonsens gibt über die wesentlichen Prinzipien und Werte und dass es auch die Bereitschaft gibt zum Konsens mit politischen Mitbewerbern“, fordert er. „Denn wir machen ja nicht Politik für uns selber, sondern für die Menschen!“

Gefährliche Ränder

Seine Sorge ist, dass wir in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern den Weg wie in den USA einschlagen könnten. Dort habe sich die Gesellschaft verändert. „Wenn am Ende nur die Radikalen das Sagen haben und die Mitte immer kleiner wird, dann wird die Demokratie implodieren. Und das haben wir schon einmal in der deutschen Geschichte erlebt und ich möchte nie wieder, dass in diesem Land Extremisten und Radikalen das Sagen haben“, betonte er unter dem Applaus der vielen Festzeltbesucher. „Wir sind uns in der Politik ja in vielen Dingen mehr einig, als man es meinen könnte“, plaudert Hans-Heinrich Ehlen, ehemaliger Landwirtschaftsminister von Niedersachsen, aus dem Nähkästchen.

Eine „Grundausbildung“ über die Kommunalpolitik würde sich David McAlister bei allen Politikern wünschen: „Bundes- und Landtagsabgeordnete, die vor ihrer Wahl Kommunalpolitik gemacht haben, sind oftmals viel besser geeignet, mit den politisch Andersdenkenden vernünftig umzugehen, Respekt zu zeigen und am Ende auch dann einen Kompromiss zu finden.“ Das sei in der Kommunalpolitik häufig gefordert, da es um die Sache gehe. „Aber je höher die politische Ebene ist, desto mehr bestimmen die Eitelkeiten und persönlichen Interessen das Handeln“, lautet seine Beobachtung.

Ehrenamt als wichtiger gesellschaftlicher Kitt

Wichtig in der Gesellschaft ist das ehrenamtliche Anpacken. Henning Scherf nennt als leuchtendes Beispiel die Freiwillige Feuerwehr auf dem Land. „Das ist für einen Städter kaum vorstellbar, dass das funktioniert und dass man selbstlos mitanpackt, wenn andere in Not sind.“ Das sei ein wunderbares Beispiel für die nachbarschaftliche Hilfe.

Ein weiteres Beispiel ist Tarmstedt selbst: „Bei der Tarmstedter Ausstellung gibt es 250 Helfer aus dem Dorf, das ist eine Botschaft auch für andere Regionen. Gemeinsam lässt sich so ein großes Projekt stemmen“, sagt Hella Rosenbrock, Bürgermeisterin der Gemeinde Tarmstedt.

Sie selbst ist das beste Vorbild: Für ihr langjähriges ehrenamtliches Engagement im Sport und in der Kommunalpolitik hat sie im Oktober 2024 das Bundesverdienstkreuz erhalten. „Schade ist, dass die gesamte Verantwortung in den Dörfern meist auf den Schultern von nur zwei bis drei Leuten liegt. Sie sind häufig in mehreren Vereinen im Vorstand. Wir müssen dahin kommen, dass wieder mehr Mitbürger Verantwortung übernehmen.“ Dazu gehört auch, dass die Politik das Engagement anerkennt und Mut macht, im Ehrenamt weiter zu machen.