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Wissen, wo’s herkommt!

Dialog in den Tarmstedter Gesprächen zum Thema „Das Land versorgt die Stadt - Großverpflegung bio und regional“

Gemeinsam mit dem Bremischen Landwirtschaftsverband e.V., dem Verein Genussland Bremen Niedersachsen e.V. und dem Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen GmbH lud das Landvolk Niedersachsen zum Forum „Das Land ernährt die Stadt – Großverpflegung bio und regional“ ein. Im Fokus der Diskussion stand der Einsatz von regionalen und biologischen Lebensmitteln in der Großverpflegung wie Großküchen und Mensen sowie der Schul- und Kitaverpflegung und Außer-Haus-Versorgung. Die Erschließung neuer Marktsegmente für die landwirtschaftlichen Betriebe aus der Region als Alternative zum klassischen Mengenwachstum wurde hier mit Praxisbeispielen beleuchtet.

Dr. Marco Mohrmann, freute sich darüber, dass der Dialog zu diesem Thema gemeinsam mit Conrad Bölicke (artefakt Wilstedt) angeregt und auch öffentlich aufgegriffen wird. Mohrmann ist sich sicher: „Bio wird zunehmend eine wichtige Rolle in der Landwirtschaft spielen.“ Mit der Frage „Die Biostadt Bremen vor der Haustür – biete dies auch Chancen für unsere Landwirtschaft vor Ort?“ übergab er an den Moderatoren Andre Fesser aus der Redaktionsleitung des Wümme-Kuriers.

Die Gäste der Gesprächsrunde in dem Festzelt am Freitag, dem Eröffnungstag der Tarmstedter Ausstellung, waren Paul Brandt vom Verein Besser Essen! E.V., die BioStadt Beauftragte der Stadt Bremen, Mücella Demir, Küchenmeister Jens Witt, Fa. Wackelpeter, der täglich 3.000 Bio-Essen für Hamburger Kitas und Schulen zubereitet, sowie Marie Pigors, Marktsprecherin Wochenmarkt Findorff und Betriebsleiterin des Naturkostkontors Bremen.

Mücella Demir berichtete von der BioStadt Bremen und wie dort Aktionspläne umgesetzt werden, Schulen, Kitas und Krankenhäuser regional zu versorgen. Zunächst sei mit einem Pilotprojekt in Kitas gestartet, in denen 100 % bio gekocht wurde und schließlich kostenneutral umgesetzt werden konnte. Mit dieser Erfolgsmeldung wurden weitere konkrete Ziele für die Zukunft formuliert. In einem stufenweisen Prozess sollen bis 2022 alle Schulen und Kindergärten auf 100 %, bis 2025 die Krankenhäuser auf biologische Nahrungsmittel umgestellt werden. Sie betonte, dass die Ziele nicht mit der Brechstange zu erreichen seien, sondern durch den Dialog miteinander.

Jens Witt ist Inhaber von Firma Wackelpeter in Hamburg. Er kocht bereits seit 26 Jahren bio und liefert inzwischen 3.000 Essen in Hamburg aus. Als „alter Hase“ kennt er die Herausforderung, die eigene Haltung zu kommunizieren. Die Bio-Zertifizierung in den 90er Jahren sei dabei ein wichtiger Schritt gewesen.

Initiative der „BioStadt Bremen“ war zunächst gegen Billigfleich und zum Thema Nachhaltigkeit, Klimaschutz – daraus hat sich schließlich ein Trend entwickelt, der die hohe Qualität der Lebensmittel immer mehr im Vordergrund stellt. Hier hat Mücella Damir in den letzten Jahren beobachtet, dass auch die Sensibilität für das Thema stetig gestiegen ist.

Frau Marie Pigors stellte das Naturkostkontor Bremen vor. Es arbeitet mit insgesamt 68 Betrieben in einem Radius von knapp 40 Kilometern rund um Bremen und beliefert Bioläden, Kindergärten, Schulen sowie auch immer mehr Restaurants. Die Nachfrage wächst.

Das bestätigte auch Paul Brandt aus Achim, der mit anderen engagierten Menschen kürzlich den Verein Besser Essen! e.V. gegründet hat. Motivation für diesen Verein war zunächst Unmut der Verpflegungssituation der Stadt Achim. Daraus hat sich eine Diskussion entwickelt und schließlich wurden Mitstreiter gesucht, die nun städtische Träger bei der Umstellung auf BIO unterstützen. Das Ziel des Vereins ist die Förderung gesunder, regional und nachhaltig erzeugter Lebensmittel in der Gemeinschaftsverpflegung.

„Die Herausforderung ist für viele die Umstellung von konventionell auf Bio. Das koste Nerven und Geduld. Genau an dieser Stelle möchte der Verein Mut machen, den Weg konsequent weiterzugehen. „Am Ende sagen die Leute: dann lassen wir es eben ganz!– und genau da wollen wir Mut machen, diese Schritte zu gehen.“

Jens Witt hob nochmals hervor: „Kochen ist Kultur. Bio 2.0 heißt ja nicht nur bio, sondern vor allem, wissen, wo es herkommt.“ Mücella Damir: Eine billige Kartoffel, die nicht schmeckt und dann weggeworfen wird, ist teurer als eine teure Kartoffel, die qualitativ hohen Ansprüchen gerecht wird.

„Wir wollen da auch gesamtgesellschaftlich etwas bewirken. Wir wollen niemanden zwingen, sondern wir wollen es begreiflich machen. Das funktioniert mit Dialog und Verständnis.“ So Mücella Damir. Marie Pigros ergänzte: „Zum Thema Dialog – da sind wir schon weiter, sonst wären wir heute nicht hier auf der Tarmstedter Ausstellung.“

„Das Land versorgt die Stadt“

Die Gäste der zweiten Diskussionsrunde „Das Land versorgt die Stadt“ waren Barbara Otte-Kinast, Niedersächsische Ministerin für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz, Hilmer Garbade, Präsident des Bremischen Landwirtschaftsverbandes sowie Harm von Hollen, Bio-Landwirt aus Hagen im Bremischen.

Fesser stieg mit der Frage „Bio und Regional, warum sollte man das verfolgen?“ ein. Barbara Otte-Kinast plädierte für Zusammenhalt: „Regionalität geht aus meiner Sicht über alles – regional und bio und konventionell – gehört für mich zusammen – ich bin eine Gegnerin von irgendwelchen Grabenkämpfen. Gerade in unsicheren Zeiten tun wir gut daran, zusammenzuhalten. Wir brauchen eine Landwirtschaft – jeder wird seinen Markt finden.“

Als Ministerin für Landwirtschaft und Ernährung sei ihr die Ernährung ein Herzensthema, daher begrüßte sie den Dialog zu diesem Thema.

Hilmer Garbade sieht den Trend der Bioversorgung, noch wichtiger sei ihm aber, dass Erzeuger und Verbraucher in den Austausch gehen: „Die Kinder sollten eigentlich alle mal auf einen Hof, um zu sehen, wo die Lebensmittel herkommen.“

„Wir haben uns die Erfahrung gemacht, dass sich das Hamsterrad immer schneller dreht. Immer mehr, immer günstiger Preise, immer größere Einheiten. Da wollten wir raus, und so kam der Familie an einem Sonntagmorgen die Idee, den Betrieb umzustellen. Auch wenn anfangs Ängste im Spiel waren, sind wir mit der Entscheidung goldrichtig gelandet!“ resümiert Bio-Landwirt Harm von Hollen. Barbara Otte-Kinast bestätigte: „In der Phase befinden sich derzeit viele Landwirte – in der Umstellung von konventionell auf bio tut sich derzeit sehr viel.“

Für die umstellenden Landwirte hofft Harm von Hollen auf Bürokratie-Abbau: „Es ist ein sehr umständlicher Weg, an die Förderungen zu gelangen.“ Oft müssen bis zur Auszahlung lange finanzielle Durststrecken überwunden werden. Holm wünscht sich hier einfachere Wege der Umsetzung.

Garbade: „Auf bio umzustellen, ist ein langwieriger und kostenintensiver Weg. Es dauert etwa zwei Jahre. Nicht jeder Betrieb kann das aufgrund der geografischen Lage machen.“

Es wollten deutlich mehr umstellen, als es Abnehmer gegeben hätte. Denn auch Direktvermarkter suchen derzeit dringend Abnehmer. Hier sei es wichtig, auch der Nachfrage entsprechend zu produzieren. Dazu appellierte er: „Wir brauchen die Wertschätzung der Lebensmittel wieder.“  Regionalität sollte noch weiter in den Vordergrund rücken. Und wichtig sei auch der Dialog.

Rubrik: Landwirtschaft & Landtechnik
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Mücella Demir, Andre Fesser, Marie Pigors, Harm von Hollen, Barbara Otte-Kinast, Dirk Gieschen, Hilmer Garbade, Carolin Grieshop, Jens Witt und Paul Brandt (von links).