Zum Inhalt springen

Tarmstedter Gespräche: Otte-Kinast: „Jetzt müssen endlich Taten folgen!“

Erneuerbare Energien sind eine große Chance für den ländlichen Raum und den Klimaschutz. Aber der Ausbau von Wind- und Biogasanlagen stockt auf vielen Ebenen, waren sich die Podiumsteilnehmer bei den „Tarmstedter Gesprächen“ einig.

„Die Windenergie ist die Energie des ländlichen Raums. Aber wir haben momentan viele Probleme“, betonte Wilhelm Wilberts, Landesvorsitzender des Bundesverbandes Windenergie sowie Planer und Projektierer von Windenergieanlagen. Wie Wilberts bei der Diskussionsrunde „Erneuerbare Energien – Chancen für den ländlichen Raum“ in Zelthalle 7 auf dem Gemeinschaftsstand des Landesverbandes Erneuerbare Energien (LEE) deutlich machte, fehlen der Windenergie nicht nur Flächen für neue Windparks. Es gibt auch Hemmnisse beim Repowering von Altanlagen. „Auch Einzelanlagen müssen sich durch größere ersetzen lassen“, forderte der Vorsitzende. Eine große Hürde sieht er auch im Artenschutz, der viele neue Projekte verhindere. „Unheimlich viele Projekte stecken in Genehmigungen fest, es gibt kaum Neubau“, begründete er den historisch niedrigen Zubau von neuen Windparks. Er setzt jetzt auf den neuen Windenergieerlass des Landes Niedersachsen.

Neben der Windenergie gibt es auch im Biogasbereich viele Hürden. So lassen sich die aktuellen Branchenzahlen erklären: Im Jahr 2018 wurden nur 120 neue Anlagen errichtet, sieben sogar stillgelegt. „Das wird so weitergehen, wenn sich die Rahmenbedingungen nicht ändern. Wir haben es nicht fünf, sondern zwei vor 12“, warnte Silke Weyberg, Geschäftsführerin des LEE. Denn viele Anlagen erreichen in den nächsten Jahren das Ende ihres ersten Förderzeitraums im Erneuerbare-Energien-Gesetz. Wenn die Bedingungen nicht besser seien, würden viele Betreiber die Anlagen stilllegen. „Wir brauchen bessere Vergütungen im Ausschreibungssystem oder Anreize für mehr Güllevergärung“, forderte sie.

„Auch die Düngeverordnung setzt uns zu, wenn wir im nächsten Jahr 20 % weniger Nährstoffe pro Hektar ausbringen dürfen“, ergänzte Friedrich Hake, Geschäftsführer der Biogasgesellschaft „Alternative Energien Wesertal“ aus Hameln.

Eine Chance könnte es geben, wenn Anlagen Strom unabhängig vom EEG vermarkten können. „Wir sehen heute schon einen Trend hin zur Direktvermarktung von Strom z.B. an Industriebetriebe“, erklärte Gerald Hein von der Deutschen Kreditbank aus Berlin. „Dafür brauchen wir aber auch weniger Auflagen. Heute ist es noch nicht möglich, Strom aus Windparks an die Nachbarn zu vermarkten“, beklagte Wilberts.

„Wir brauchen den Dialog zwischen den Akteuren, müssen die Probleme analysieren und schnell zu einer Lösung kommen“, versprach Babara Otte-Kinast, Landwirtschaftsministerin in Niedersachsen. „Wir müssen endlich mal ein Ziel formulieren. Wenn wir mehr Klimaschutz wollen, müssen wir auch mal Abstriche beim Artenschutz machen können“, sagte sie mit Blick auf die vielen Restriktionen bei der Windenergie. Ebenso müsste man über Windenergie im Wald sprechen, da es nach dem Sturm Friederike viele Schäden gab und die Frage im Raum stehe, ob sich die von Windwurf oder Borkenkäferbefall betroffenen Flächen nicht für die Windenergie nutzen lassen könnten – bislang kein Thema in Niedersachsen.  Auch bei der Güllevergärung versprach sie Lösungen, z.B. bei der Lagerung von Gärrest in Güllebehältern. „Wir brauchen Biogasanlagen und müssen uns dafür einsetzen, die Technik zu erhalten!“

Das Fazit der Runde: Erneuerbare Energien bieten große Chancen für die Wertschöpfung im ländlichen Raum: Renditen über die Beteiligung an Bürgerwindparks, Lieferung von kostengünstiger Wärme oder Lösung von Gülleproblemen sind nur einige. Auf Arbeitsebene gibt es aber erhebliche Probleme, die für den weiteren Ausbau schnell beseitigt werden müssen – sonst können Anlagen im großen Stil stilllgelegt werden.

Rubrik: Landwirtschaft & Landtechnik
Zurück
2019-07-12_Tarmstedter-Gespräche-2-web.jpg
Angeregte Diskussion in Zelthalle 7 (v.l.): Moderator Hinrich Neumann, Friedrich Hake, Wilhelm Wilberts, Barbara Otte-Kinast, Gerald Hein, Silke Weyberg.