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DLG-Präsident Hubertus Paetow: Mehr Nachhaltigkeit wagen

Festredner zur 71. Tarmstedter Ausstellung mahnt an, Verbrauchervertrauen zurückzugewinnen

„Eine zukunftsfähige, gesellschaftlich akzeptierte Tierhaltung in Deutschland braucht die Unterstützung von Verbrauchern und Politik, sei es mit bewusstem Kaufverhalten oder mit kluger Förderung von Investitionen in mehr Tierwohl“, sagte Hubertus Paetow, Präsident der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) als Festredner auf der Eröffnungsveranstaltung der Tarmstedter Ausstellung vor 800 Gästen.

Die Branche befinde sich in unruhigem Fahrwasser und die Landwirte stünden heute vor großen Herausforderungen. Zum einen stoße man mit modernen Produktionsverfahren im Stall und auf dem Acker immer häufiger an die Grenzen der Nachhaltigkeit – etwa beim Grundwasserschutz, der Artenvielfalt oder bei resistenten Schädlingen und Insekten. Andererseits lebe man in einer Gesellschaft, die die Landwirtschaft zunehmend kritisch sehe und die kein Vertrauen mehr in sie habe. „Vertrauen, auf das wir in unserem dicht besiedelten Land mit gesättigten Märkten dringend angewiesen sind“, betonte Paetow. Eine Ausrichtung der Landwirtschaft allein auf Ertrag und Menge reiche heute nicht mehr, denn gleichberechtigt seien die Ziele der Nachhaltigkeit, etwa der Schutz von Wasser und Boden sowie die Artenvielfalt hinzugekommen.

Die Geschichte der Landwirtschaft sei in der Vergangenheit eine Geschichte der Beherrschung der Natur – seien es Wetter, Wasser, Schädlinge oder Krankheiten. Heute habe sich die Situation zwischen Mensch und Natur umgekehrt: „Der Mensch ist erstmals in der Lage, durchgreifende Veränderungen an seiner natürlichen Umgebung zu bewirken.“ Das Ergebnis seien globale Phänomene wie Klimawandel, globale Mobilität, Vernetzung – mit Auswirkungen auch auf die Landwirtschaft. Eine möglichst effiziente Nahrungsmittelproduktion als alleiniges Ziel reiche aber nicht mehr aus, wenngleich die Lösung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei.

Gleichwohl machte der Präsident der 30.000 DLG-Mitglieder deutlich: „Es gibt an vielen Stellen Zielkonflikte, die es unmöglich machen, eine perfekte Lösung zu finden.“ Es gebe keinen Königsweg, mit dem Nahrungsmittel ohne Nebenwirkungen für Umwelt, Tiere und Klima erzeugt werden könnten – nicht einmal im Ökolandbau.

Eine Veranstaltung wie die Tarmstedter Ausstellung als „größte und erfolgreichste Regionalausstellung des Nordens“ sei gleichermaßen eine Fachmesse, auf der sich Branche treffe und austausche, wie auch ein Volksfest: Sie sei ein Fenster nach außen und zeige die Faszination von Technik und Tieren auch den nicht mit der Landwirtschaft befassten Menschen aus dem ländlichen Raum und der Stadt. Und das seien auch die Menschen, die darüber mitentscheiden, wie die Landwirte morgen wirtschaften. „Diese Menschen machen die Entscheidungen darüber, wie Landwirtschaft morgen aussehen darf, von ihrem eigenen Bild der Branche abhängig“, sagte der Landwirt, der in Mecklenburg einen Ackerbaubetrieb bewirtschaftet.

Die Gesellschaft schaue zunehmend kritisch auf die Haltungsverfahren in der Tierhaltung und werde durch hässliche Bilder von Ställen und Schlachthöfen darin bestärkt, Veränderungen einzufordern. „Natürlich sind die meisten Skandale Einzelfälle, aber diese bestimmen nun einmal das Bild.“ Den Verbrauchern ihre Mitschuld an den Umständen durch die Geiz-Mentalität vorzuwerfen, führe nicht weiter: „Wir müssen selber dafür sorgen, dass die Bilder aus dem Stall wieder zu Vertrauen in die Tierhalter führen.“

Jeder Landwirt trage dazu bei, wie dieses Bild aussieht, und habe eine Verantwortung: „Jeder von uns sollte sich bewusst fragen, ob das was er tut, im Sinne einer Nachhaltigkeit richtig ist oder ob er etwas ändern kann, ohne gleich den Betrieb ökonomisch aufs Spiel zu setzen.“  Das sei die Form von Ethik, die die Gesellschaft von den Landwirten erwarte und mit der wieder Vertrauen bei den Verbrauchern zurückgewonnen werden könne.“ Die Tarmstedter Ausstellung böte viele Möglichkeit, sich dazu Anregungen zu holen, Kollegen zu treffen und mit ihnen diese Themen zu diskutieren.

Rubrik: Allgemein
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„Die Landwirtschaft steht vor großen Herausforderungen. Wenn wir unsere Entwicklung hin zu mehr Nachhaltigkeit in die richtigen Bahnen lenken wollen, müssen wir uns an der Gesamtheit der Ziele orientieren. Dafür gibt keinen Königsweg, auch nicht im Ökolandbau.“ (Hubertus Paetow, Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG)).